Inszenierte „Carmina Burana“ aus Odessa bis Sonntag im Stadttheater Ingolstadt

Inszenierte „Carmina Burana“ aus Odessa bis Sonntag im Stadttheater Ingolstadt

„Carmina Burana“ ist eine Sammlung mittelalterlicher Lieder über Liebe, Sehnsucht, Lebensfreude  und Leid – ohne eine Opernhandlung, obwohl es einzelne Szenen gibt. Ein besoffener Mönch und ein Saufgelage in einer Taverne, das Klagelied eines Schwans, der gebraten werden soll. Unglücklich Liebende und fröhlich  Lebenslustige. Dennoch wird dieses Werk meist nur konzertant aufgeführt, obwohl die stark rhythmische Musik von Carl Orff ja geradezu nach einer tänzerischen Umsetzung schreit, und auch Carl Orff ein szenisches Gesamtkunstwerk vorgeschwebt ist. Dies hat die Aufführung aus Odessa eingelöst. Auf weitgehend leerer bühne, also ohne einzelne Situationen illusionistisch zu fingieren. Die hautfarbene Nacktheit der Tänzer und Tänzerinnen steht als Verletzlichkeit der menschlichen Natur im Kontrast zu den schwarzen, an mittelalterliche Kutten erinnernden Gewänder des Chors, der mit synchronen Gesten und Bewegungen im Raum  auch die Wucht eines Kollektivs entfalten kann….
Tradition und Moderne, Mittelalter und Gegenwart führt Choreograph und Regisseur Gerard Mosterd in seiner interdisziplinären Inszenierung  zusammen. Auch die Visuals greifen unterschiedliche Zeit- und Kunstebenen auf. Es gibt Abstraktes, aber auch aufblühende Frühlingsblüten oder fallende Rosen. Die große Freitreppe  von Odessa, in Sergej Eisensteins Film Panzerkreuzer Potemkin ikonisch geworden, steht auch für die Stufen von Aufstieg und Fall, Emporsteigen und Abstürzen, die das launische Schicksal im Eingangs- und Schlusschor O Fortuna heraufbeschwört. Dazu tanzt ein Paar im schwarzen Buisness-outfit von heute auch zwischenmenschliche Kämpfe aus Unterwerfung und Überlegenheit. Besonders bei diesem Solistenpaar ist es hervorragend gelungen, mit der in klassischem Ballett der russischen (!) Schule  geschulten Tanzcompany  die Ausdrucksmöglichkeiten des zeitgenösssichen Tanzes zu entwickeln.

Die Produktion entstand 2020 noch vor der russischen Invasion. Aber wie eine Vorausahnung hat Gerard Mosterd eine düstere Welt erschaffen, in der auch der Frühling nicht wirklich farbige  Freude aufkommen lässt.
Nur mit einer diesmal weiss gekleideten Chorgruppe und Videoprojektionen von Pusteblumen kommt einmal die Ahnung einer friedvollen Welt auf, und mit dem Sopransolo auch eine Versöhnung der Gegensätze zwischen christlicher Tugend und archaischer Lebenslust. Die tugendhafte Frau und der lange unglücklisch sehnüchtig liebende Mann finden zueinander. Aber Leid und Freude bleiben immer nahe beinander. Fortuna kann das Schicksal immer wieder unvorhergesehen wenden. Und vor allem in Zeiten wie diesen, mitten in einem Krieg.

Inszenierte „Carmina Burana“ aus Odessa bis Sonntag im Stadttheater Ingolstadt