Rudi Domke mit bewegenden Texten zu Gast bei „Besser als Fernsehen“ in Kap94
Über sich selbst nachdenken. Wie und wann macht man das eigentlich. ...
Ein würdiger Abschied von diesem Theater .Dieser Satz war öfter nach dieser Premiere von „Kasimir und Karoline“ letzten Donnerstag zu hören. Denn es war die letzte Premiere im Großen Haus des Stadttheaters Ingolstadt, das Ende Mai für vermutlich lange Zeit geschlossen wird. Aber diese Produktion wird im Herbst in der Ersatzspielstätte im Theater am Glacis wiederaufgenommen.
Aber auch unabhängig vom Kontext dieser Zäsur in der Geschichte des Ingolstädter Stadttheaters: Diese Inszenierung von Ödön von Horvaths „Kasimir und Karoline“ besticht durch die Ernsthaftigkeit und Drastik, mit der hier menschliche Beziehungen vor der Folie des Vergnügungsorts Oktoberfest zerbrechen und ganz anschaulich im Morast enden.
Am Ende haben alle Dreck im Gesicht und in den Kleidern. Der Kommerzienrat ebenso wie die Büroangestellte Karoline. Ja, es geht schmutzig zu, wenn besoffene „Honoratioren“ schamlos Mädchen aufreißen, wenn sozialer Absturz schmerzhaft zum Ende einer Beziehung führt. Oder eine toxische Beziehung auch öffentlich, im Bierzelt, mit Gewalt und sexueller Übergriffigkeit vorgeführt wird.
Und auch wenn man versucht, wie die Büroangestellte Karoline auf dem Oktoberfest, über Männerbekanntschaften mit finanziell Bessergestellten einen sozialen Aufstieg zu schaffen, oder zumindest mal einen sorgenfreien Abend zu genießen, kann man ganz schön im Dreck landen. Das ist die Kehrseite von Lichterglanz und Vergnügungsversprechen auf dem Oktoberfest.
Der Höhenflug, die Aufbruchsstimmung in eine bessere Zukunft, den der Überflug des Zeppelin zu Beginn anzukündigen schien, ist Desillusionierung gewichen. Aber die Liebe, oder zumindest die Sehnsucht danach, bleibt. Vielleicht in einer anderen Konstellation.
Durchaus drastisch macht diese Aufführung klar, wie krass sich der soziale Status auf bestehende Beziehungen und Zufallsbekanntschaften auswirkt. Zumal in einer Zeit der Wirtschaftskrise und politischen Umbruchs wie zu Beginn der 1930er Jahre. Und heute?
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Foto: Germaine Nassal