Eindrucksvoll: Fleißers „Pioniere“ am Münchner Volkstheater

Eindrucksvoll: Fleißers „Pioniere“ am Münchner Volkstheater

Marieluise fleißers Theaterstück „Pioniere in Ingolstadt“ hatte letzten Donnerstag im Münchner Volkstheater Premiere.
In eindringlichen Bildern entstanden Schlaglichter auf die Unterdrückungsmechanismen innerhalb der Militärhierarchie und genauso vom bürgerlichen Dienstherrn gegenüber seinem Dienstmädchen und dem eigenen Sohn, und von den gedemütigten Männern auf die (finanziell abhängigen) jungen  Frauen, hier die beiden Dienstmädchen Alma und Berta. Das Regieteam um Lucia Bihler zeigt eine radikal auf  den  Kern zwischenmenschlicher Machtausübung reduzierte Fassung, die starken Eindruck macht und entsprechend bejubelt wurde. …

Lucia Bihler und ihre Dramaturginnen haben den von Fleißer mehrfach überarbeiteten Text auf das Wesentliche  reduziert und so feinsäuberlich filetiert,  dass die starken Sätze der Fleißer, auch die hilflosen, umso wuchtiger einschlagen oder wie Solitäre aufblitzen können. Nebenhandlungen wie der Klau des Brückenholzers durch den Schwimmverein wurden weggelassen. Dieses  Ingolstädter Anekdotenkolorit braucht man heute nicht mehr, um den von der jungen Fleißer so schonungslos analysierten und leider noch immer  aktuellen Kern systemischer Gewalt  sichtbar zu machen. Faszinierend, wie diese Aufführung psychische und physische Gewalt  zeigt und dabei ohne martialische Gewalt- oder Lärmexzesse auf der Bühne auskommt. Lucia Bihler findet subtilere und atemberaubend eindringliche Bilder und Gesten sexualisierter Gewalt. …

Die präzise choreographierten Bewegungsabläufe werden wie unter einem Brennglas ausgestellt. Denn die honiggelbe Spielfläche von Jessica Rockstroh ist leer  vor einem schwarzen Aushang. Und je weiter die Gewaltspirale eskaliert, desto schräger stellt sich der Bühnenboden auf. Auf der  immer schräger werdenden Spielfläche positioniert Lucia Bihler ihre Figuren meist in großer räumlichen Distanz. Weit entfernt stehen sich Mädchen und  Soldaten gegenüber. Sofort wird beklemmend klar: Begegnungen auf Augenhöhe, einen einfühlsamen zwischenmenschlichen Kontakt zu dieser uniformen toxischen Männlichkeit wird es nicht geben können. Eine gespaltene Gesellschaft zwischen Männern und Frauen, weit möglichste räumliche Entfremdung aber  auch zwischen dem bürgerlichen Dienstherrn Unertl und seinem Sohn….
Auch die Kostüme aus steifem Filz von Laura Kirst sind außergewöhnlich. Das Material überformt die individuellen Körperformen wie die  gesellschaftlichen Zwänge und Rollenmodelle, denen sie nicht entkommen. …
Vieles wird in kurzen stummen Szenen erzählt. Und vor jedem Black  blitzt kurz die sichtbar in die Bühne hängende Scheinwerferbatterie auf. Schlaglichter auf beklemmende Szenen der Unterdrückung von Wertschätzung, von Gefühlen, von Gleichwertigkeit. …

In  ihrem Inszenierungsstil und  ihrer Personenregie hat sich Lucia Bihler den sezierenden Blick der Fleißer zu eigen gemacht. Die weitgehend unpersönliche, normierte Spielweise nimmt Anleihen am Espressionismus. Deformierte Körperhaltungen, eine kontrollierte Gestik.
Im Schlussbild krallt sich Berta an der Oberkante der nun fast 90 Grad steilen Schräge fest, Alma hängt an ihrem Fuß. Doch lange werden sich die beiden Frauen wohl nicht mehr vor ihrem endgültigen Absturz in das gesellschaftliche Aus halten können. Grandios.

Und für uns in Ingolstadt ist es auch eine Genugtuung zu sehen,  wie eine junge, weibliche Regiegeneration ( wie auch vor einem Jahr bei einer Bühnenfassung des Romans „Zierde für den Verein“ im Marstall des Residenztheaters, oder eine Aufführung des „Tiefseefisch“ in der Pasinger Fabrik)   Marieluise Fleißer für sich entdeckt,  für die Gegenwart neu erzählt und damit zeigt: Wie die vor 125 Jahren geborene Ingolstädter Schriftstellerin Abhängigkeiten und Unterdrückungsmechanismen als gesellschaftliches Phänomen beschrieben hat, ist brandaktuell. Leider.

Foto: Marcella Ruiz Cruz

Eindrucksvoll: Fleißers „Pioniere“ am Münchner Volkstheater