„Im Dickicht der Städte“ im Stadttheater: Witz, Ironie und groteske Spiellust

„Im Dickicht der Städte“ im Stadttheater: Witz, Ironie und groteske Spiellust

Bertolt Brechts  frühes  Drama „Im Dickicht der Städte“ ist ein wirres Stück in einer expressionistisch verkomplizierten Sprache über „den Kampf zweier Männer in der Riesenstadt Chicago“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Brecht hat an die Runden eines Boxkampfs gedacht und gibt selbst  den Ratschlag, sich über die Motive dieses Kampfes nicht den Kopf zu zerbrechen. Und tatsächlich ergeben die einzelnen Etappen dieser Handlungsfragmente  wenig logischen Sinn in der Handlungsweise der Figuren. Es geht irgendwie um Macht und Geld, um eine arme Familie und einen einsamen Reichen und um Frauen, die sich prostituieren.
Das mag vor 100 Jahren  weird,  wild, jung, anarchisch, unkonventionell gemeint gewesen sein und auch so gewirkt haben.
Aber das Ganze ist so abstrus zusammen gezimmert, dass man diesem Stück wohl nur mit einer formal reizvollen Theaterkunst mit viel Witz, Ironie und grotesker Spiellust beikommen kann. Und das ist Regisseurin Antigone Akgün und ihrem hinreißend ein großes Spektrum unterschiedlicher Spielweisen auffächernden Ensemble gelungen.

Bereits der Großstadtdschungel, den Ausstatterin Sophie Lichtenberg auf die Bühne im Kleinen Haus gestellt hat, ist voller ironischer Brechungen. Im Abendrot erglüht die Operafolie im Hintergrund illusionistisch-romantisch. Der Buchladen ist ein Automat, die Bücher sind wie alle Requisiten überdimensional, flach und aus Pappe. Darauf steht „Buch“. Ein zweistöckiges Holzgerüst mit sepia-rosé marmorierten Vorhängen ist Hochhaus. Davor gibt es kleine Erdhügelchen mit welken Palmwedeln für die Szenen in der Natur, am See. Shlink trägt einen rose-beige gestreiften Seidenanzug und eine groteske blonde Perücke aus brustlangen blonden Haaren und abrasiertem Pony. Ein Lacher  sind immer wieder die übergroßen zweidimensionalen Requisiten aus weißer Pappe. Ein übergroßer Kochlöffel für Mutter Garga, die Zigaretten und der Lippenstift und die Lyra des Moritatensängers  mit den aufgezeichneten Saiten. Eine witzige Ironisierung von Brechts Zeigetheater mit seinen Schrifttafeln.

Aus dem Expressionismus der Sprache wurden nicht nur rotumrandete Augen der Darstellenden, sondern auch eine Spielweise entwickelt, bei der die Figuren in  immer wieder neue artifizielle Attitüden, groteske Übertreibungen und herrliche Gestenchoreographien springen. Mit abrupten Brüchen wechseln Wortpathos und trockener Sarkasmus, werden Gefühle mit Emphase in Anführungsstrichen zitiert und dabei auch Bert Brechts  späterer,  bierernst belehrender  Verfremdungseffekt ironisch konterkariert.
… Aber Brecht wird nicht einfach auf die Schippe genommen. Er wird genussvoll für schauspielerische Höchstleistungen an Spielmöglichkeiten ausgeschlachtet. Und das ist dann ähnlich weil, lustvoll und frech wie der junge Brecht, allerdings mit äußerster Akribie ausgearbeitet.

Wenn man es sich also in der Neuinszenierung von „Im Dickicht der Städte“ verkneifen kann,  über die Handlung nachzudenken, ist ein brillanter, höchst vergnüglicher Theaterabend zu erleben. Vergessen wir also getrost, was Brecht doch immer so wichtig war: eines Besseren belehrt aus dieser Vorstellung zu kommen.

Foto: Germaine Nassal

„Im Dickicht der Städte“ im Stadttheater: Witz, Ironie und groteske Spiellust