"Grandi Emozioni": Jubliäumskonzert von IKO und GKO
Zwei Ingolstädter Orchester bestehen seit 60 Jahren und feierten, d.h. spielten ...
Für viele Generationen junger Leser*innen und später Kinobesucher*innen waren Karl Mays Helden Winnetou und Old Shatterhand Idole, obwohl oder gerade weil sie sich bemüht haben, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Winnetou aus dem Stamm der Apachen verkörpert den Idealtypus des friedfertigen Edelmenschen. Karl May hat diese Romanfigur und sich als seinen ebenso edelmütigen Freund und unbesiegbaren Helden Old Shatterhand erfunden, um mit den Mitteln der Phantasie Vorbilder für Humanität und gewaltfreies Handeln zu geben, auf dass die Leser*innen zum Besseren animiert werden. „Mit und gegen Karl May“ hat Autor und Regisseur Kieran Joel seine Stückentwicklung „Winnetou V“ im Untertitel genannt. Es ist eine kritische Selbstreflexion des Theaters über die Macht der Fantasie und die Suche nach einem Edelmenschen in einer inhumanen Welt.
Der Prolog wirft uns eindrucksvoll mitten hinein ins Geschehen, und zwar ins Klischeebild einer Wildwest-Szenerie: Verletzt stöhnende Menschen, von einem Planwagen hängend, an einen Marterpfahl gebunden und von einem Pfeil durchbohrt, oder mit Schussverletzungen blutüberströmt am Boden.
Auf der Seite sitzt ein Trapper mit langem Ledermantel in einem Sessel, umgeben von den Bänden der Gesamtausgabe von Karl May und schreibt in sein Notizbuch. Er betritt die Bühne und macht den Stöhnenden klar, dass sie nur von ihm erfundene Figuren in einem Theaterprolog, und ihr Schmerz und ihr Blut nicht echt sind. Und die Figuren werden ihren Autor immer wieder fragen, wozu er sie und warum er sie nicht anders erfunden hat. Und vor allem, warum und ob es Sinn macht, durch den Wilden Westen zu reiten, um Winnetou, die Verkörperung eines moralischen „Edelmenschen“ zu suchen: ein ebenso eindrucksvoller, wie witziger und geistreicher Einstieg in die Uraufführung von „Winnetou V“,
Statt Karl May, dem kleinkriminellen Lehrer aus dem 19. Jahrhundert, der sich in seinen Romanen als unbesiegbarer Westernheld Old Shatterhand und Winnetous Lehrmeister in Sachen Humanität ausgegeben hat, macht sich bei „Winnetou V“ ein Theatermacher von heute, der Old Shatterhand spielen wird, mit den von ihm erfundenen Gefährten auf, nach Winnetou, d.h. nach Pazifismus und Humanität zu suchen.
Autor und Regisseur Kieran Joel hat mit seinem „Winnetou V“ ein vielschichtiges szenisches Nachdenken als Theater auf dem Theater entwickelt bis hin zur Frage: Wie würde ein Old Shatterhand mit einem im Zweikampf besiegten Donald Trump umgehen, dessen ICE-Truppen ihn und seine Gefährten gefangen gesetzt haben? Würde er ihn ebenso edelmütig verschonen wie einst Winnetous Vater?
Das ist klug, vielschichtig durchdacht und ausgearbeitet, verzettelt sich aber auch, und besonders die Diskurse auf der Metaebene in Videos bzw. Live-Kameraszenen ufern aus.
Sehr breit wird auch erzählt, wie das vermeintliche Greenhorn, der deutsche Autor, sich als exzellenter Schütze, Reiter und mutiger Kämpfer erweist, der ganz alleine und waffenlos einen Grizzlybären besiegt. Wenn dabei ein Schauspieler als Bison, ein anderer als Bär auftritt, bricht doch etwas zu langatmig und gedoppelt Kindertheaterbelustigung aus.
Aber es macht auch immer wieder Spaß, diesem Theater auf dem Theater zu folgen, etwa dem, was Bühnenbildnerin Barbara Lenartz an Pappkulissen samt lebensgroßen Pferdeattrappen, an Planwagen, Bühnenlicht-Lagerfeuer, effektvollem Hurrican und schließlich einer Kulisse des Weißen Hauses und einer kopfüber hängenden New Yorker Freiheitsstatue auf die Bühne gebracht hat, denn dabei wird ebenso witzig mit Western-Klischees wie mit verstaubten pseudo-illusionistischen Theatermitteln gespielt. Als Finale vor der Pause gibt es sogar noch eine veritable Musicalnummer inclusive Stepdance.
Der Hauptdarsteller als Old Shatterhand und Theatermann ist ein Gast. Moritz Grove powert als Westernheld und nachdenklicher Theatermacher durch den Abend. Vor allem seine Original-Karl-May-Erzählung über Old Shatterhands ersten Kampf mit Winnetou und dessen Vater, gefühlt der halbe „Winnetou I“ – Band, ist ein etwas ermüdender Parforceritt im Atemlos-Duktus. Umso charmanter, wie er sein Anschleichen, um Winnetou und dessen Vater vom Marterpfahl loszuschneiden, demonstriert, indem er im Zeitlupentempo imaginäre Grasbüschel mit der Hand beiseite schiebt.
Old Shatterhands Gefährten, die Ensemblemitglieder des Stadttheaters Ingolstadt, müssen auch viel herumstehen und ihrem Erfinder bzw. Old Shatterhand interessiert oder amüsiert zuhören. Aber alle haben auch immer wieder kleine Kabinettstückchen an Solonummern.
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Foto: Hannes Rohrer