Intensiver Theaterabend „Zieht die gewaltige Stille mich immer“

Intensiver Theaterabend „Zieht die gewaltige Stille mich immer“

„Zieht die gewaltige Stille mich immer“, die Uraufführungspremiere letzten Samstag im Großen Haus des Stadttheaters Ingolstadt, ist in der Inszenierung von Oberspielleiterin Mirja Biel ein starker Theaterabend, der einen von der ersten bis zur letzten Minute,  knappe eineinhalb Stunden lang, in seinen Bann zieht.

Es geht um zwei  vergessene Frauen an der Seite eines berühmten Mannes, des bedeutenden Schweizer Theologen Karl Barth. Seine Ehefrau Nelly und seine Mitarbeiterin Charlotte von Kirschbaum, deren Anteil  an Barths umfangreichem Werk kaum  gewürdigt wurde, und die mit dem Ehepaar Barth und dessen fünf Kindern jahrzehntelang in einem Dreiecksverhältnis unter einem Dach gelebt hat.
Abhängig von diesem Mann Karl  sind beide. Finanziell und ihrem Lebensentwurf. Für Nelly war nichts anderes vorgesehen, als die angesehene Ehefrau eines Pastors und Universitätsprofessors zu sein. Charlotte konnte nicht selbst studieren, und so war ihr einziger Weg, ihren Beitrag zu einer neuen Theologie und auch zu einer neuen Theorie von einem vielfältigeren Frausein zu leisten, sich an diesen Mann, dessen Schriften sie bewundert, zu binden.
Und so ist die Rollenverteilung in dieser Menage à trois klar. Nelly ist Mutter und Ehefrau, zuständig für den 9-köpfigen Haushalt und die fünf Kinder, Charlotte ist die Mitdenkerin, Coautorin  und Geliebte an Karls Seite.
Die beiden Frauen kämpfen und rivalisieren um Räume im Haus, ringen um Beachtung von Karl, der Mitwelt und Nachwelt, entwickeln aber auch Verständnis für die Situation der anderen in der gemeinsamen Ausweglosigkeit.

Der Text der Autorin Ivna Zic ist weitgehend dokumentarisch, er speist sich vor allem aus Briefen, die Karl Barth an seine Frau oder seine Mitarbeiterin geschrieben hat. Und die Autorin hat eine dritte Frauenfigur, eine Archivarin dazu erfunden, die vielleicht aus heutiger Sicht nach den Spuren dieser Konstellation forscht.  Damit entstand eine komplizierte Erzählstruktur, weil bei jeder Passage klargemacht werden muss, wer an wen schreibt. Auch die Archivarin und Chorführerin zitiert aus den Briefwechseln.  Die Zuordnungen gelingen  durch subtile, genaue  Reaktionen der Schauspielerinnen hervorragend.
Vor allem aber: Oberspielleiterin Mirja Biel, die auch auf die 1899 in Ingolstadt geborene Charlotte von Kirschbaum aufmerksam wurde, hat aus dieser Briefcollage  einen hochemotionalen, intensiven  Theaterabend gemacht.
Mit suggestiven Bildern und dramatischen Akzenten, in denen auch die Empörung unserer heutigen Perspektive zum Ausdruck kommt, mit einer gelungenen Verzahnung aus Visuals, Musik, chorischer Vervielfältigung der Protagonistinnen und starken Schauspielerinnen werden die unter der Decke gehaltenen Verletzungen und Zumutungen, die Sehnsüchte und Hoffnungen hinter den Worten als innere Erlebnisräume wirkungsstark spürbar. ….

Foto: Hannes Rohrer

Intensiver Theaterabend „Zieht die gewaltige Stille mich immer“