spannend und vergnüglich: Endes "Wunschpunsch"
Mit ganz viel Magie und 5 hinreißenden Schauspielern und Schauspielerinnen hat ...
Es ist in den letzten Jahren zur Gewohnheit geworden, dass als Freilichtaufführung des Stadttheaters Ingolstadt hauptsächlich musikalische Spektakel zu erwarten sind. Das war nicht immer so. Brechts „Mutter Courage“, Frischs „Besuch der alten Dame“ oder auch die „Geierwally“ waren Theateraufführungen von ernsten Stücken, deren Freilichtqualitäten eben mit Kutschen, Autos, viel Statisterie oder einem spektakulären Bühnenbild bedient wurden.
Was erwartet man, wenn man Alexandre Dumas düstere, tragische Geschichte „Der Graf von Monte Christo“ über die verlorene Liebe, die Qualen endloser Kerkerhaft, verlorene Lebensperspektive als junger Kapitän zur See und den gnadenlosen Rachefeldzug gegen die Intriganten, Karrieristen, Emporkömmlinge und politischen Opportunisten in der nachnapoleonischen Ära auf den Spielplan im Freilicht setzt?
Regisseur Ronny Jakubaschk hat sehr gekonnt und konsequent daraus gemacht, was man heutzutage offenbar von einer Freilichtinszenierung in Ingolstadt erwartet. Eine musikalische Revue mit Popsongs in einer unterhaltsam-komödiantischen Spielweise.
Das ist insgesamt eine runde Sache, ästhetisch ansprechend, temporeich und effektvoll. Der Preis dieser Bühnenshow ist allerdings, dass die Schicksale dieser Menschen nicht sonderlich nahegehen.
Um diese menschlichen Tragödien auf diese Weise als Theatervergnügen erzählen zu können, macht Jakubaschk eine sinnvolle theatrale Setzung. Es ist eine zirkusartige Spieltruppe in gepunkteten Einheitstrikots mit weiß gekalkten Gesichtern und roten Mündern, die sich sichtbar selbst die opulenten Kostümaccessoires für ihre wechselnden Rollen, die Umhänge, exaltierten Krägen oder Kopfbedeckungen aus einer Art Garderobe schnappt und in die jeweiligen Figuren und Situationen springt.
Dazu hat sich Jakubaschk von Bühnenbildner Pascal Seibicke eine perfekte Bühne bauen lassen. Eine zentrale, drehbare (!) Showtreppe, die von den Darstellern mit Körperkraft bewegt, auf der Rückseite Kerker oder Räuberhöhle werden kann. Zwei weitere Treppen führen seitlich nach oben, sodass es vielfältige Spielebenen für die vielen Ortswechsel gibt. Das ist höchst funktional und bietet gleichzeitig optimale Spielflächen für attraktive Bildwirkungen. Diese drehbare Treppe könnte aber auch Indoor in jedem Theater eingebaut werden, und eben auch vor die historischen Mauern des Turm Baur, dessen spezifisches Ambiente keine Rolle spielt, würden diese Mauern nicht dankenswerterweise einige Male malerisch beleuchtet.
Und auch die extravaganten Outfits mit historischen Anleihen, vor allem das kardinalsrote Racheengelkostüm des Grafen von Monte Christo sind wunderbare Eyecatcher.
Matthias Zajgier himmelt die Braut des Protagonisten mit „Alles war ich will bist du“ an. Findet Dantès den Goldschatz singen alle Money, Money“. Das sind mehr oder weniger amüsante ironische Brechungen der Handlung zum Mitsummen. Die Popsongs von ABBA, Elvis, Michael Jackson oder Rammstein, die Tobias Hofmann, der Musikalische Leiter mit seiner Band aus Schlagwerk und Bassklarinette begleitet, gehören zum Regiekonzept der vom Regisseur gemeinsam mit der Ingolstädter Dramaturgin Dinah Wiedemann aus dem 1500Seiten-Roman destillierten Fassung. Die Band steuert allerdings auch noch düstere oder schräge Sounds zur Aufrauhung der Mainstream-Playlist.
Das männerlastige Ensemble wurde in dieser Fassung durch einige weibliche Protagonistinnen ersetzt. Aus dem Mitgefangenen Abbé Faria wird eine Ordensschwester Faria, aus dem Inhaber der Reederei oder dem napoleontreuen Vater des Staatsanwalts werden ebenfalls Frauen, aus dem Sohn von Mercedes wird eine Tochter, die den Grafen von Monte Christo zum Duell fordert….
Die Hauptrolle des Edmond Dantes alias Graf von Monte Christo spielt Enrico Spohn. Und er spielt alles, auch mit clownesken Einschüben, was man in dieser Konzeption an Facetten dieser Figur erspielen kann. Ein freundlich-naiver junger Mann am Anfang, ein Verzweifelter und Wissbegieriger im Kerker, ein zynisch-mephistophelischer Racheengel und ein nachdenklich Einsichtiger.
Aber leicht hat er es nicht, in diesen Konstellationen Anteilnahme zu wecken. Die Eingekerkerten, Dantès und Ordensschwester Faria sehen mit ihren umgehängten wadenlangen Lockenperücken und den überdimensionalen Grabungswerkzeugen ziemlich drollig aus. Die Geschichte dieser eigentlich herzzerreißenden Freundschaft in aussichtsloser Situation wird faktisch korrekt erzählt. Aber sie ist eine der vielen eher grotesken als zu Herzen gehenden Episoden. Im zweiten Teil hat man es zudem nicht ganz leicht, die unterschiedlichen Figuren und Familienkonstellationen, deren vergangene Vergehen und Verbrechen Dantes aufdeckt, zu identifizieren, obwohl natürlich eine Vielzahl an Nebenhandlungen gestrichen sind.
Jedenfalls treffen Sarah Schulze-Tenberge als Mercedes und Schwester Faria, Marc Simon Delfs als Staatsanwalt, Mathias Zajgier als verräterischer Offizier und Politiker, Olaf Danner als zum Banker aufgestiegener Schiffszahlmeister, Peter Rahmani, Edda Wiersch, Chen Emilie Yan und die militante Männer verkörpernde Manuela Brugger ihre Charaktere stilsicher in dieser leicht clownesk-exaltierten Spielweise hervorragend.
Dieser „Graf von Monte Christo“ ist eine hervorragend gemachte Freilichtbühnenshow. Aber die Tragik dieser menschlichen Schicksale, die Fragen nach Recht und Gerechtigkeit, und der Moral in Zeiten politischer Wechselbäder, die Alexandre Dumas so erfolgreich zu Papier gebracht hat, sind in ihrer Ernsthaftigkeit auch ein wenig „ verspielt“.
Foto: Germaine Nassal