Dolce Vita als Bühnenkunst: I Dolci Signori feierten die italienische Popkultur im Turm Baur

Dolce Vita als Bühnenkunst: I Dolci Signori feierten die italienische Popkultur im Turm Baur

Man muss nicht immer nach Italien reisen, um sich dorthin versetzt zu fühlen. Manchmal reichen dazu Gitarren, ein Keyboard, ein Akkordeon, ein Bass, Schlagwerk, zwei markante Stimmen und Refrains, in die fast jeder einstimmen kann. Genau das gelang I Dolci Signori beim Gastspiel in Ingolstadt. Wer am Mittwochabend das restlos ausverkaufte Freilichtkino am Turm Baur besuchte, bekam weit mehr als ein Best-of italienischer Popmusik geboten. I Dolci Signori machten daraus eine fulminante musikalische Hommage an das Lebensgefühl in Bella Italia – mit Leidenschaft, Spielfreude und einer bemerkenswerten musikalischen Qualität. Statt bloßer Cover-Routine präsentierten die Musiker italienische Klassiker mit künstlerischer Präzision, ungebrochener Leidenschaft und einem sicheren Gespür für die passende Dramaturgie und Instrumentierung. Zwischen Pop, Italo-Disco und Balladen entstand eine Show des großen Entertainments.

Wie es I Dolci Signori so überzeugend gelingt, dabei musikalische Qualität und großes Entertainment miteinander zu verbinden, das hat uns Gitarrist Ricardo Belli (alias Richie Necker) nach dem Konzert im Turm Baur erzählt.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten steht die Formation in nahezu unveränderter Besetzung auf der Bühne. Diese Kontinuität ist hör- und sichtbar. Jeder Musiker kennt seinen Platz, jeder Einsatz sitzt, und dennoch wirkte das Konzert niemals „starr“ oder „festgefahren“. Stattdessen stand da eine Band voll überschäumender Lebenslust auf der Bühne, die den Spaß, die Passion an ihrer Musik bis heute bewahrt hat.

Besonders faszinierend war die Balance zwischen mitreißender Live-Musik und unmittelbarer Nähe zum vollbesetzten Publikum. Die Künstler verstanden es vortrefflich, das Auditorium immer wieder einzubeziehen, ohne aufgesetzt zu wirken. Wo andere nostalgisch verklären, setzen I Dolci Signori ganz auf Authentizität und Energie, animieren die Zuhörer und Zuhörerinnen zum Mitsingen und Mitklatschen oder zum Mitmachen bei kurzen, witzigen Choreografien. So dauerte es tatsächlich nicht lange, bis sich die ersten Fans nach vorne auf die „Tanzfläche“ wagten. Und spätestens im zweiten Teil hielt es sowieso fast niemanden mehr auf den Sitzen: Es wurde ausgelassen gefeiert, gejubelt, sich ganz dem Flow hingegeben.

Im Mittelpunkt stand natürlich Frontmann Rocky Verardo, der im Salento (Apulien) geboren wurde und italienische Originalität mit bayerischer Lässigkeit verbindet. Seine warme, kraftvolle Stimme trägt die großen Balladen ebenso souverän wie die temperamentvollen Klassiker oder die moderneren Nummern. Zugleich weiß er auf seine unübertroffene Art bestens, das Publikum charmant und mit feinem Humor durch den Abend zu führen.

An seiner Seite sorgt (erst seit Kurzem!) Arcangelo Vigneri für das zweite prägende, ausdrucksstarke vokale Gesicht der Band. Im herzerwärmenden Zusammenwirken der beiden Sänger liegt eine besondere, neue, frische Stärke von I Dolci Signori. Mal wechseln sich die Stimmen ab, mal verschmelzen sie in gemeinsamen Refrains – stets mit genialer Musikalität und überwältigender Bühnenpräsenz.

Das instrumentale Fundament ist ebenso erstklassig: Bernardo „del fuego“ Meyer verbindet am Keyboard und am Akkordeon klassische Pop-Sounds mit mediterranen Klangfarben und gibt vielen Arrangements ihre ganz eigene Note und charakteristische Eleganz. Michele Foresta (alias Michael Thomas) legt am Schlagzeug als „Timekeeper“ den rhythmischen Puls des Abends perfekt vor – mal zurückhaltend bei gefühlvollen Balladen, dann wieder druckvoll und präzise in den temporeichen Stücken. Wesentlich bereichert wird das Ensemble durch Ricardo Belli (aka Richie Necker) an der Gitarre, dessen Soli den bekannten Melodien rockige Akzente verleihen, ohne ihren italienischen Charme zu überdecken. Am Bass hält Uli Rossi (auch Zrenner) das musikalische Fundament jederzeit souverän zusammen und sorgt für den ansteckenden, elektrisierenden Groove.

Das Programm führte wie eine Erlebnisreise durch mehrere Jahrzehnte und Stationen italienischer Musikgeschichte – von Renato Carosone über Toto Cutugno bis hin zu Nek oder Tiziano Ferro. Einen besonderen Schwerpunkt setzten I Dolci Signori naturgemäß auf die Songs von Eros Ramazzotti, dessen gefühlvolle Balladen „Più bella cosa“, „Un’emozione per sempre“, „Adesso tu“ und „Se bastasse una canzone“ einen emotionalen Kern des Programms bildeten. Daneben durften die großen Klassiker selbstverständlich nicht fehlen: Mit Adriano Celentanos „Azzurro“ – in einer zweiten, rockigen Version sogar noch einmal aufgegriffen – und „Una festa sui prati“ schlug die Band den Bogen zu den Wurzeln des italienischen Pop. „Tu vuò fà l’Americano“ entwickelte sich zu einem temperamentvollen Ausflug in Swing und Rock’n’Roll, während „L’Italiano“, „Felicità“ (Albano und Romina Power), „Sarà perché ti amo“, „Mamma Maria“ (Ricchi e Poveri) oder das furiose Finale mit „Gloria“ (Umberto Tozzi) Erinnerungen an die goldenen Jahrzehnte italienischer Unterhaltungsmusik weckten.

Dabei erschöpfte sich das Konzert nie im bloßen Nachspielen bekannter Hits. Die Arrangements erklangen sorgfältig ausgearbeitet, mehrstimmige Gesänge und dynamische Wechsel verliehen den Liedern eine eigene Handschrift. Gerade darin liegt die Stärke der Band: Sie interpretiert italienische Klassiker mit großem Respekt vor den Originalen und zugleich mit einer eigenen Bühnenidentität.

Zwischen den Liedern blieb genügend Raum für humorvolle Moderationen und spontane Reaktionen auf die Stimmung im Freilichtkino. Das Publikum dankte es mit langem Applaus, rhythmischem Mitklatschen und immer wieder gemeinsam gesungenen Passagen – genau jenem Gemeinschaftsgefühl, das italienische Popmusik seit Jahrzehnten auszeichnet. Mit zwei Zugaben verabschiedeten sich I Dolci Signori schließlich von einer begeisterten Partygesellschaft, die noch lange nicht nach Hause gehen wollte.

Die Formation zeigte eindrucksvoll, dass italienische Musik weit mehr ist als Urlaubsnostalgie. Sie ist Ausdruck von Lebensfreude, Emotion und ausgefeilter musikalischer Handwerkskunst. Das Konzert im Turm Baur erwies sich deshalb nicht nur als unterhaltsamer Sommerabend, sondern zugleich als ein liebevoll und grandios inszeniertes Eintauchen in die Klangwelt Italiens – mit viel Herz, grande Amore, hoher musikalischer Qualität und jener Leichtigkeit, die den Begriff „Dolce Vita“ erst mit Leben füllt. Wer den Turm Baur verließ, nahm nicht nur Ohrwürmer mit nach Hause, sondern auch das Gefühl, für zwei Stunden ein wunderbares Stück Mittelmeer und südliches Flair erlebt zu haben.
Wem das übrigens noch nicht genug war: Schon in wenigen Monaten werden I Dolci Signori wieder nach Ingolstadt kommen – dann für einen Valentinstags-Auftritt im Festsaal. A presto, ragazzi!

Dolce Vita als Bühnenkunst: I Dolci Signori feierten die italienische Popkultur im Turm Baur